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TAGEBUCH DES TODES
Ruanda - Der Genozid von 1994
 
 
MC erzählt ihre Geschichte
 
Es war in der Nacht des 6. April 1994, dass der Präsident von Ruanda starb, als sein Flugzeug attackiert wurde und abstürzte. Wir waren zu Hause und wussten nicht, was passiert war. Aber dann, um etwa 5:00 Uhr am nächsten Morgen, hörte ich viele Leute vor unserem Haus. Ich rannte die Treppen herunter, um zu schauen was los war und sah, sie waren bewaffnet. Mit modernen und mit traditionellen Waffen. Es waren unsere Freunde und Nachbarn, Jungen und Mädchen, so alt wie ich, aber auch ältere Männer und Frauen und ich dachte, es handelt sich um eine Unruhe in der Nachbarschaft, die es zu beenden gilt. Ich wollte sie unterstützen. So ging ich zu meiner Familie im Haus und erzählte ihnen, dass die anderen draußen Probleme hätten und schlug vor, dass wir ihnen helfen sollten. Zurück im Schlafzimmer, wusste ich nicht, warum ich plötzlich Angst fühlte.
 
Meine ältere Schwester sagte, ich solle beten, bevor ich das Haus verlasse. Aber ich antwortete ihr darauf nur, dass wir uns beeilen sollten, die anderen seien sicherlich in Gefahr. Wir waren fünf Mädchen: meine Schwester und ich und drei Cousinen, die bei uns zu Besuch waren. Unser Vater war nicht zu Hause. Als wir anfingen zu beten, begannen die Leute draußen die Tür gewaltsam zu öffnen. Einige von ihnen kletterten auf das Dach und versuchten es zu durchbrechen. Dann gossen sie Benzin darauf, als wollten sie uns das Haus anstecken.
 
Als wir fertig mit beten waren, war ich die Erste, die nach draußen ging. Und zu meinem Entsetzen lag Vater draußen tot im Hof. Alles war mit Rauch überzogen und ich hörte Schreie.
 
Wir gingen aus dem Haus und zwei meiner Cousinen wurden direkt vor der Tür getötet. Ich, meine Schwester und die andere Cousine, wir rannten, um uns in der Toilette hinter dem Haus zu verstecken, gerade als die Verbrecher begannen, das Haus zu plündern. Wir blieben da den ganzen Tag. Hörten, wie unser Haus brannte und in dieser Nacht flohen wir in den nahen Wald.
 
Am zweiten Tag kamen sie, um nach den Leuten zu schauen, die sich im Busch versteckten. Es waren so viele von ihnen und sie kamen mit Hunden und Feuer. Sie zündeten den Wald an und wir mussten rauskommen, zusammen mit all den anderen, die sich auch versteckten.
 
Sie brachten uns weg, um uns zu töten, in ihrem „Schlachthaus“. Sie hatten auch die Kinder meines Onkels dahingebracht und mit unerklärlicher Grausamkeit umgebracht. Mädchen wurden vergewaltigt. Sie ließen mich in Ruhe, sagten, dass ich es mir anschauen sollte und dass sie mich als Letzte töten, da ich die Jüngste der Familie war und außerdem müsste ich ihnen noch verraten, wo meine Brüder sind, da sie nicht im Haus waren.
 
Das Töten ging weiter, vier Tage lang. Am ersten Tag haben sie die Füße abgeschlagen, am nächsten Tag die Arme, dann andere Teile des Körpers. So dass die Opfer so lange wir möglich am Leben blieben. Meine Aufgabe war es, das Loch zu graben, in das die Körper geworfen wurden, um sicher zu gehen, alles zu beseitigen und keine Spuren zu hinterlassen.
 
Zuletzt töteten sie meine ältere Schwester und ich habe sie begraben. Dann schaffte ich es, wegzurennen. Ich stürzte mich in den Lake Muhazi, sagte mir, dass es besser ist, im Wasser zu sterben, als so umgebracht zu werden, wie die anderen. Drei Tage blieb ich im und in der Nähe des Sees. In der Nacht des vierten Tages konnte ich mich zur Kirche von Rukura durchschlagen, in der die Leute dieser Gemeinde Sicherheit suchten.
 
Zu dieser Zeit war der Krieg sehr heftig. Sie töteten Menschen, als würden sie Bäume fällen. Als ich in die Kirche kam, betrat ich den Raum, wo bereits viele andere Leute Schutz gesucht hatten. Aber eine halbe Stunde später kam die Interahamwe. Die Türen waren sehr stabil, so warfen sie die Fensterscheiben mit Steinen und Granaten ein.
 
Dann hatten sie es geschafft, die Tür aufzubrechen und kamen herein, begannen die Menschen mit Macheten, Speeren und Holzknüppeln, die mit Nägeln versehen waren, zu töten. Als sie dachten, jeder wäre tot, gossen sie Benzin über die Körper und auf das Dach und zündeten alles an. Ich saß in einer Ecke, ich war so erschöpft, dass ich trotz allem, was um mich herum passierte, schlief. Aber dann erwachte ich durch die Hitze und durch die Schreie derer, die noch lebten.
 
Ich stand in einer Ecke und wünschte mir, dass der Tod schnell käme. Wegen der Hitze entledigte ich mich all meiner Kleidung. Ich stand da die ganze Nacht, nackt und wartete, dass ich endlich sterben würde. Etwa um die Mittagszeit des nächsten Tages war mir so heiß und durstig, dass es mir schien, es wäre besser, mich lieber von den Männern als vom Feuer töten zu lassen, aber es war schwierig, aus dem brennenden Gebäude heraus zu kommen.
 
Mit Gottes Hilfe gelang es mir irgendwie nach draußen zu gelangen, nackt, wie an dem Tag, als ich geboren wurde. Ich sah die Interahamwe immer noch Menschen töten. So versteckte ich mich zwischen den toten Körpern und keiner bemerkte, dass ich noch lebte. Ich lag zwei Tage zwischen den Toten und am dritten Tag fragte ich mich: „Warum versteckst Du Dich eigentlich?“ Ich stand auf und schrie: „Will mich keiner aus diesem Elend erlösen! Ich bin so müde und möchte nur noch sterben!“
 
Dann sah ich Soldaten auf mich zukommen und ich bat sie darum, mich zu töten. Aber sie sagten, sie wären gekommen um zu beschützen, nicht um zu töten. Es waren die Soldaten der vorrückenden FPR und von jetzt an war ich in Sicherheit. Sie versuchten noch Lebende unter den Toten zu finden. Einige atmeten noch, aber hatten keine Gliedmaßen mehr. Andere hatten noch ihre Arme und Beine, aber keine Augen mehr. Es war unvorstellbar.
 
Sie brachten die Überlebenden in das Krankenhaus nach Gahini. Auch wir übernachteten dort. Ich war zusammen mit meiner Nichte und zwei kleinen Cousins. Wir hatten nichts und niemanden, keine Familie, die uns tröstete. Meine Nichte war gerade vier Jahre alt. Durch die Zeit, die sie sich draußen unter wilden Tieren aufgehalten hatte, begann sie sich wie ein Tier zu benehmen. Wenn ich ihr zu essen oder zu trinken geben wollte, flüchtete sie oder versuchte mich zu beißen. Und sie war auch schwer verletzt.
 
Das war alles zu viel für mich. Ich begann zu verzweifeln und wünschte, ich hätte nicht überlebt. Mein ganzes Leben lang war ich die Jüngste der Familie, zusammen mit Erwachsenen, die mich behüteten und plötzlich gab es nur noch Grausamkeit.
 
Aber diese Zeit verging und die Dinge änderten sich. Der Krieg ging zu Ende, mein Bruder kehrte zurück und wir kümmerten uns um die Kleinen. Sie wurden wieder gesund. Auch ich. Ich danke Gott dafür. Aber wegen des Kummers verbrachte ich acht Monate ohne zu sprechen. Es war eine Art Empörung gegen Gott, der mich allein gelassen hatte in dieser ausweglosen Situation.
 
An einem Tag dann schloss ich mich in mein Zimmer ein und weinte bis zum Abend. Dann sagte ich zu mir selbst: „Das ist nicht besonders klug. Wer denkst Du wird kommen und Dich behüten? Weißt Du nicht, dass da kleinere Kinder sind, die jetzt Deine Hilfe brauchen? Meinst Du, dass den ganzen Tag nur weinen die Lösung der Probleme ist? Es liegt jetzt an Dir – Du musst Deinem eigenen Leben gewachsen sein und dem Leben der Kinder, die Dich jetzt brauchen.“
 
Ich schämte mich wegen meiner vorherigen Schwäche und bat Gott um Vergebung und Hilfe. Am nächsten Morgen war ich die Erste, die aufstand. Ich war bei meiner Tante und ich ging in ihr Zimmer, bat sie um Verzeihung. Sie war überrascht, aber auch sehr glücklich. Wir erzählten es allen, die mich kannten. Und es war ein Grund für eine große Feier im Haus meiner Tante. Später ging ich dann zurück an die Oberschule und beendete sie erfolgreich.
 
Von diesem Tag an fühlte ich mich stärker und war entschlossen, zu leben. Das hört ihr jetzt von einer sehr lebensbejahenden Frau. Mein Optimismus basiert auf folgendes Prinzip: „Arbeite für Dein eigenes Leben und helfe denen, die leiden. Lass die Vergangenheit hinter Dir und konzentriere Dich auf das Heute und dann wird die Zukunft das Beste bringen!“
 
Jetzt habe ich wieder Träume und Ziele, die ich erreichen möchte. Meine eigene Zukunft und die meiner Familie und meiner Freunde soll sorgenfrei und glücklich sein. Das wünsche ich auch allen Ruandern, besonders denen, die empfinden, dass ihr Leben elend sei und sie diesem nicht gewachsen sind. Ich bin nicht reich und ich bin nicht stark. Aber mit dem wenigen, was ich habe und mit Unterstützung und Hilfe durch andere, hoffe ich auf Frieden und eine gute Zukunft für alle Ruander. Ich tue, was in meiner Macht steht für die Rehabilitation meines Landes und die Versöhnung dessen Menschen.
 
Ich wäre ungerecht, wenn ich nicht all jenen danken würde, die für den Frieden in Ruanda gekämpft haben. All jene, die ihren Teil dazu beitrugen, dass Ruanda überlebt. Mein Dank geht auch an diejenigen, die daran arbeiten, einen Reiseführer für Ruanda zu erstellen. Es ist so wichtig für ein Land, das durch einen Krieg den gesamten Tourismus verlor. Ich spreche für viele andere Ruander, wenn ich sage, wir werden das Beste tun, um Euch bei der Erarbeitung diese Buches zu unterstützen.
 
 
Nach dem Genozid
Ein Bericht, herausgegeben im Juli 2000 vom Statistics Department of Rwanda´s Ministry of Finance and Economic Planning kommt zu dem Schluss, dass der Horror des Genozids von 1994 bei großen Teilen der Bevölkerung schwere psychische Gesundheitsprobleme hinterlassen hat, die eigentlich nicht in einer Statistik veranschaulicht dargestellt werden können. Viele verloren Familienmitglieder und/oder waren Zeugen dessen, erlebten Massaker und Vergewaltigungen. Ein Gutachten der UNICEF von 1995, veröffentlicht im selben Bericht, schätzt die Prozentzahl der Kinder, die vom Genozid betroffen sind folgendermaßen ein:
 
99,9% waren Zeuge von Gewalt
79,6% verloren Familienmitglieder
69,5% waren Zeuge, wie jemand getötet oder verletzt wurde
61,5% wurde der Tod angedroht
90,6% glaubten, dass sie sterben müssen
57,7% waren Zeuge, als Menschen mit Macheten getötet oder verletzt wurden
31,4% waren Zeuge von Vergewaltigung oder sexuellen Handlungen
87,5% sahen tote Körper oder Teile von Körpern
 
Gibt Euch dies ein etwas anderes Bild von den Straßenkindern in Kigali und Butare...?
Textquelle: unbekannt
 
 
Tutsi Flüchtlingslager
 
 
 
Flucht vor den Hutu-Extremisten
Bildquellen: dpa
 
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